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Nominalstil

wenn Verben zu Nomen werden

Die Bauform des Amtsenglischen — und wann man sie besser auflöst.

Im geschriebenen Englisch — in Berichten, Verträgen, wissenschaftlichen Texten — werden Handlungen häufig zu Nomen: nicht We decided, sondern The decision was taken. Nicht They implemented the plan, sondern The implementation of the plan.

Man muss diese Bauform lesen können, weil sie überall steht. Sie zu benutzen ist eine Stilentscheidung, und die englische Schreibtradition rät seit Langem davon ab: Sie macht Sätze länger, verschleiert, wer handelt, und häuft Präpositionen an.

Typische Endungen: -tion, -ment, -ance, -ence, -al, -ure. Typische Begleiter sind blasse Verben wie make, take, carry out, undertake, give consideration to — sie tragen nichts bei, weil die eigentliche Handlung im Nomen steckt.

Die Gegenprobe ist einfach: Steht im Satz ein Nomen auf -tion oder -ment mit einem blassen Verb daneben, lässt sich das fast immer in ein einziges Verb zurückverwandeln — und der Satz wird kürzer und klarer.

Die Form

nominalWe carried out an examination of the data.
verbalWe examined the data.
nominalThe implementation of the changes took place in June.
verbalWe implemented the changes in June.

Die Regeln im Einzelnen

  1. Ein Nomen auf -tion oder -ment neben einem blassen Verb lässt sich meist zu einem Verb zusammenziehen.

    They made a decision. → They decided.Sie haben entschieden.

  2. Der Nominalstil verschweigt oft, wer handelt.

    A review will be undertaken. — Who by?Eine Überprüfung wird vorgenommen. — Von wem?

  3. In Verträgen und Vorschriften ist er üblich und gewollt.

    Termination of this agreement requires written notice.Die Kündigung dieses Vertrags bedarf der Schriftform.

  4. In Berichten und E-Mails wirkt er umständlich.

    Please let us know. — statt: Please provide notification.Bitte sagen Sie uns Bescheid.

Genauer hingesehen

Die Rückverwandlung, Schritt für Schritt

Suchen Sie das Nomen, in dem die Handlung steckt — meist auf -tion, -ment, -ance oder -al. Fragen Sie: Wer tut das? Setzen Sie den Handelnden als Subjekt und machen Sie das Nomen zum Verb. Aus „The implementation of the plan by the team was completed in March" wird „The team finished the plan in March".

Aus sechzehn Wörtern werden acht, und zwei Angaben, die vorher fehlten, stehen nun da: wer, und was genau geschah. Der Nominalstil hatte sie nicht versteckt — er kam ohne sie aus.

The team finished the plan in March.Das Team stellte den Plan im März fertig.

Warum Vorschriften so geschrieben sind

In einem Vertrag ist die Unbestimmtheit gewollt. „Termination requires written notice" gilt für jeden, der kündigt; die Bauform macht die Regel unabhängig von der Person, die sie anwendet.

Derselbe Satz in einer E-Mail ist eine Zumutung, weil dort genau eine Person handeln soll und der Satz verschweigt, welche. Die Bauform ist weder gut noch schlecht — sie passt zu einer Textsorte oder nicht.

Please tell us by Friday whether you can attend.Bitte sagen Sie uns bis Freitag, ob Sie kommen können.

Ausnahmen und Sonderfälle (3)
  • das Nomen ein Ding und keine Handlung benennt

    lässt es sich nicht zurückverwandeln.

    The application was rejected on formal grounds.Der Antrag wurde aus formalen Gründen abgelehnt.

    application heißt hier Antrag und nicht das Beantragen. Wo ein Nomen auf -tion für einen Gegenstand steht, greift die Gegenprobe nicht.

  • der Handelnde absichtlich ungenannt bleiben soll

    ist diese Bauform genau das richtige Mittel.

    A decision will be announced next week.Nächste Woche wird eine Entscheidung bekanntgegeben.

    In einer Mitteilung, die noch keinen Namen nennen darf, ist die Unbestimmtheit kein Mangel, sondern der Zweck.

  • ein Nomen auf -ing die Handlung trägt

    ist der Satz schon halb zurückverwandelt.

    Checking the figures took two days.Das Prüfen der Zahlen dauerte zwei Tage.

    Das Gerundium ist ein Nomen und behält das Verb sichtbar. Es steht zwischen the verification of the figures und we verified the figures.

Woran man es erkennt

  • -tion
  • -ment
  • make a decision
  • carry out
  • take into consideration

Beispielsätze

We will review the contract. (klar)Wir werden den Vertrag prüfen.

A review of the contract will be conducted. (nominal)Eine Prüfung des Vertrags wird durchgeführt.

Please consider this. — statt: Please give this your consideration.Bitte berücksichtigen Sie das.

Noch 6 Beispielsätze

We decided to postpone. — A decision was made to postpone.Wir haben beschlossen zu verschieben. — Es wurde ein Beschluss zur Verschiebung gefasst.

The team investigated the fault.Das Team hat den Fehler untersucht.

An investigation into the fault was carried out.Eine Untersuchung des Fehlers wurde durchgeführt.

Please reply by Friday.Bitte antworten Sie bis Freitag.

We recommend that you check the settings.Wir empfehlen, die Einstellungen zu prüfen.

The parties shall enter into negotiations. (Vertrag)Die Parteien nehmen Verhandlungen auf.

Besonderheiten (3)
  • Das blasse Verb neben dem starken Nomen

    make a decision, carry out an investigation, give consideration to — überall trägt das Nomen die Handlung und das Verb nichts. Zusammengezogen wird daraus decide, investigate, consider: ein Wort statt drei.

    We will consider it. — We will give it our consideration.Wir prüfen es. — Wir werden es einer Prüfung unterziehen.

  • Wer handelt, verschwindet

    A review will be conducted sagt nicht, wer prüft. Manchmal ist das gewollt, oft ist es nur bequem — und in einer Zuständigkeitsfrage ist es genau die Auskunft, die fehlt.

    The finance team will review the contract.Die Finanzabteilung prüft den Vertrag.

  • In Vorschriften ist er richtig

    Verträge und Gesetze brauchen Begriffe, die man zitieren und definieren kann; dafür ist ein Nomen besser geeignet als ein Verb. Der Nominalstil ist kein Fehler, sondern eine Textsorte — nur eben nicht die einer E-Mail.

    Termination requires notice in writing.Die Kündigung bedarf der Schriftform.

Die typisch deutsche Falle

Aufgepasst

Deutschsprachige neigen zum Nominalstil, weil er im deutschen Verwaltungs- und Wissenschaftsdeutsch als sachlich gilt. Im Englischen gilt er als schwerfällig. Wer einen deutschen Fachtext Wort für Wort überträgt, bekommt ein Englisch, das englische Leser als bürokratisch empfinden — auch wenn kein Wort falsch ist.

Falsch:The undertaking of an evaluation of the results was carried out by the team.
Richtig:The team evaluated the results.

Steckt die Handlung im Nomen, gehört sie ins Verb.

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