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C2StoryWork3 min

Was zwischen den Sprachen bleibt

A translator of contracts discovers that one word can be worth more than a whole page.

A reflective story about precise language. Watch the extended participle attributes (der von beiden Seiten unterschriebene Vertrag), the nominal style, and the subtle modal particles that colour the narrator’s view.

Seit fünfzehn Jahren übersetzte Judith Verträge, und in dieser Zeit hatte sie gelernt, dass die gefährlichsten Wörter nicht die schwierigen sind, sondern die einfachen. Ein seltenes Wort, das man nicht kennt, zwingt zur Recherche; ein Wort, das man zu kennen glaubt, macht einen leicht bequem.

Der Auftrag, um den es in dieser Geschichte geht, schien zunächst ganz normal. Zwei Firmen wollten gemeinsam ein Werk bauen, und der bereits von beiden Seiten in der einen Sprache geschriebene Vertrag sollte in die andere übertragen werden. Vierzig Seiten, eine Frist von zehn Tagen, nichts, was sie nicht schon oft gemacht hätte.

Auf Seite 27 stieß sie auf einen Satz, in dem sich eine der Firmen verpflichtete, „zumutbare“ Maßnahmen zu treffen, falls es zu Verzögerungen komme. Das Wort ließ sich ohne Mühe übersetzen. Gerade das machte sie misstrauisch. In der Ausgangssprache, so wusste sie aus einem früheren Fall, hatte dieses Wort vor Gericht eine fast technische Bedeutung erhalten, die über die Bedeutung im Alltag weit hinausging. In der Zielsprache dagegen war es schwammig und ließ beiden Seiten große Freiheit.

Sie hätte einfach schweigen können. Niemand hätte den Unterschied bemerkt, jedenfalls nicht sofort. Doch sie schrieb eine kurze Notiz an den Rand und schickte sie mit der Übersetzung zurück. Zwei Tage später rief sie ein Anwalt der einen Firma an, leicht genervt, wie ihr schien, und fragte, ob sie sich nicht etwas zu wichtig nehme.

Drei Jahre danach, als die Zusammenarbeit der beiden Firmen längst zu einem bitteren Streit geworden war, erhielt sie einen zweiten Anruf, dieses Mal von einer Richterin. Man wolle wissen, ob sie sich an die Notiz erinnere. Sie erinnerte sich. Am Ende hing an diesem einen Wort eine Summe, die größer war als alles, was Judith in ihrem Leben verdienen würde.

Sie erzählt die Geschichte heute gern jungen Kolleginnen, aber nicht als Beweis ihrer eigenen Klugheit. Ihr geht es um etwas anderes: dass Übersetzen nicht heißt, Wörter zu ersetzen, sondern Verantwortung für das zu übernehmen, was zwischen den Sprachen verloren gehen könnte.

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Words
330
Sentences
20
Words per sentence
16.5
in the vocabulary
100 %
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B2
Reading time
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Grammar in this text

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Comprehension questions

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1. Welche Wörter hält Judith für die gefährlichsten?

2. Warum machte gerade die leichte Übersetzbarkeit Judith misstrauisch?

3. Was tat Judith, statt zu schweigen?

4. Wie reagierte der Anwalt zunächst?

5. Was ist für Judith der eigentliche Sinn der Geschichte?