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Die Fußnote
A doctoral student finds an error in the work of a famous professor — and has to decide whether to say so.
A story about academic honesty. Watch the many ways German expresses doubt and possibility (mochte … sein, dürfte, es sei denn) and the long sentences whose verb waits until the very end.
Es war eine unauffällige Fußnote, kaum länger als ein Satz, und Marta hätte sie wohl nicht bemerkt, wäre sie nicht gerade an diesem Abend so müde gewesen, dass sie jeden Satz zweimal lesen musste. Die Fußnote stand in dem bekanntesten Buch von Professor Harald Wendt, einem Werk, das in ihrem Fach seit zwanzig Jahren als Grundlage galt und auf dem auch ihre eigene Dissertation an vielen Stellen aufbaute.
In der Fußnote verwies Wendt auf einen alten Brief, den er in einem Archiv gefunden haben wollte. Marta kannte dieses Archiv; sie war selbst im Frühling dort gewesen. Den Brief, den Wendt zitierte, gab es zwar, aber das Datum stimmte nicht. Er war zehn Jahre später geschrieben worden, als Wendt behauptete — und mit dem richtigen Datum brach eines seiner zentralen Argumente in sich zusammen.
Mehrere Tage lang sprach sie mit niemandem darüber. Ein Fehler mochte es sein, ein harmloser Fehler beim Abschreiben, wie er jedem passieren konnte. Es mochte aber auch sein, dass Wendt das Datum gekannt und es trotzdem so geschrieben hatte, weil es besser zu seiner These passte. Welche der beiden Möglichkeiten stimmte, konnte sie nicht wissen, und es war, wie sie merkte, für ihre Entscheidung auch nicht entscheidend.
Ihre Betreuerin, eine nüchterne Frau kurz vor dem Ruhestand, hörte sich die Sache ruhig an. Dann sagte sie: „Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können den Fehler in einer Fußnote Ihrer eigenen Arbeit erwähnen, sachlich und ohne Ärger. Oder Sie können schweigen, und dann baut Ihre Arbeit auf etwas auf, von dem Sie wissen, dass es nicht stimmt. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht, es sei denn, Sie wollen in zehn Jahren dieselbe Erfahrung mit einer Ihrer eigenen Studentinnen machen.“
Marta entschied sich für die Fußnote. Sie schrieb sie so vorsichtig, dass ein Freund lachte und meinte, man müsse sie dreimal lesen, um überhaupt zu merken, dass es um einen Fehler gehe. Ein Jahr später, kurz nach ihrer letzten Prüfung, erhielt sie einen mit der Hand geschriebenen Brief. Er war von Wendt. Er dankte ihr, nicht übertrieben herzlich, aber ohne sichtbaren Ärger, und schrieb, in einer neuen Auflage seines Buches werde der Fehler geändert sein. Ob er sich an das Datum erinnert hatte, schrieb er nicht.
Es war eine kleine Fußnote, nur ein Satz. Marta hätte sie nicht bemerkt, aber an diesem Abend war sie so müde, dass sie jeden Satz zweimal lesen musste. Die Fußnote stand im bekanntesten Buch von Professor Harald Wendt. Dieses Buch war in ihrem Fach seit zwanzig Jahren sehr wichtig, und auch ihre eigene Dissertation baute darauf auf.
In der Fußnote schrieb Wendt über einen alten Brief aus einem Archiv. Marta kannte dieses Archiv, sie war im Frühling selbst dort gewesen. Den Brief gab es wirklich. Aber das Datum war falsch. Der Brief war zehn Jahre später geschrieben worden — und mit dem richtigen Datum funktionierte eines der wichtigsten Argumente von Wendt nicht mehr.
Mehrere Tage lang sagte sie niemandem etwas. Vielleicht war es nur ein kleiner Fehler, der jedem passieren kann. Vielleicht hatte Wendt das Datum aber auch gekannt und es trotzdem so geschrieben, weil es besser zu seiner These passte. Marta konnte es nicht wissen. Für ihre Entscheidung war das nicht wichtig.
Ihre Betreuerin hörte ruhig zu. Dann sagte sie: „Sie können den Fehler in einer Fußnote in Ihrer Arbeit nennen, sachlich und freundlich. Oder Sie schweigen, und dann steht Ihre Arbeit auf etwas, von dem Sie wissen, dass es falsch ist. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.“
Marta schrieb die Fußnote — so vorsichtig, dass ein Freund lachte: Man müsse sie dreimal lesen, um den Fehler zu finden. Ein Jahr später bekam sie einen Brief von Wendt, mit der Hand geschrieben. Er dankte ihr und schrieb, dass der Fehler in der nächsten Ausgabe des Buches geändert werde. Ob er das richtige Datum gekannt hatte, schrieb er nicht.
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Grammar in this text
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wäre sie nicht gerade an diesem Abend so müde gewesen
An unreal condition without wenn, with the verb first: hätte sie wohl nicht bemerkt, wäre sie nicht … so müde gewesen. Unreal past: hätte gemacht →
Ein Fehler mochte es sein · Es mochte aber auch sein
mochte expresses a possibility the narrator concedes: Ein Fehler mochte es sein — it may well have been a mistake. Modal verbs for guesses →
es sei denn
es sei denn (unless) introduces the only exception: es sei denn, Sie wollen … If-clauses: wenn and falls →
The word lists for this text
The words in this text appear in 37 lists on this site; the number after each says how many come from that list. Having read the text, you have just needed these very words — and can practise exactly them.
Comprehension questions
5 questions on the text. With each answer the sentence it comes from appears — a question whose answer you cannot find in the text tests nothing.
1. Warum hat Marta die Fußnote überhaupt bemerkt?
Lies den ersten Satz.
Achte auf das Wort „müde“.
dass sie jeden Satz zweimal lesen musste
2. Was war an dem zitierten Brief falsch?
Lies den zweiten Absatz.
Achte auf das Wort „Datum“.
aber das Datum stimmte nicht
3. Warum war es für Martas Entscheidung unwichtig, ob Wendt absichtlich gehandelt hatte?
Lies das Ende des dritten Absatzes.
Achte auf „nicht entscheidend“.
für ihre Entscheidung auch nicht entscheidend
4. Was ist laut der Betreuerin die Folge, wenn Marta schweigt?
Lies die Worte der Betreuerin.
Achte auf das Wort „schweigen“.
dann baut Ihre Arbeit auf etwas auf, von dem Sie wissen, dass es nicht stimmt
5. Was schrieb Wendt in seinem Brief nicht?
Lies den letzten Satz.
Achte auf das Wort „Ob“.
Ob er sich an das Datum erinnert hatte, schrieb er nicht