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C2StoryUniversity3 min

Die Fußnote

A doctoral student finds an error in the work of a famous professor — and has to decide whether to say so.

A story about academic honesty. Watch the many ways German expresses doubt and possibility (mochte … sein, dürfte, es sei denn) and the long sentences whose verb waits until the very end.

Es war eine unauffällige Fußnote, kaum länger als ein Satz, und Marta hätte sie wohl nicht bemerkt, wäre sie nicht gerade an diesem Abend so müde gewesen, dass sie jeden Satz zweimal lesen musste. Die Fußnote stand in dem bekanntesten Buch von Professor Harald Wendt, einem Werk, das in ihrem Fach seit zwanzig Jahren als Grundlage galt und auf dem auch ihre eigene Dissertation an vielen Stellen aufbaute.

In der Fußnote verwies Wendt auf einen alten Brief, den er in einem Archiv gefunden haben wollte. Marta kannte dieses Archiv; sie war selbst im Frühling dort gewesen. Den Brief, den Wendt zitierte, gab es zwar, aber das Datum stimmte nicht. Er war zehn Jahre später geschrieben worden, als Wendt behauptete — und mit dem richtigen Datum brach eines seiner zentralen Argumente in sich zusammen.

Mehrere Tage lang sprach sie mit niemandem darüber. Ein Fehler mochte es sein, ein harmloser Fehler beim Abschreiben, wie er jedem passieren konnte. Es mochte aber auch sein, dass Wendt das Datum gekannt und es trotzdem so geschrieben hatte, weil es besser zu seiner These passte. Welche der beiden Möglichkeiten stimmte, konnte sie nicht wissen, und es war, wie sie merkte, für ihre Entscheidung auch nicht entscheidend.

Ihre Betreuerin, eine nüchterne Frau kurz vor dem Ruhestand, hörte sich die Sache ruhig an. Dann sagte sie: „Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können den Fehler in einer Fußnote Ihrer eigenen Arbeit erwähnen, sachlich und ohne Ärger. Oder Sie können schweigen, und dann baut Ihre Arbeit auf etwas auf, von dem Sie wissen, dass es nicht stimmt. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht, es sei denn, Sie wollen in zehn Jahren dieselbe Erfahrung mit einer Ihrer eigenen Studentinnen machen.“

Marta entschied sich für die Fußnote. Sie schrieb sie so vorsichtig, dass ein Freund lachte und meinte, man müsse sie dreimal lesen, um überhaupt zu merken, dass es um einen Fehler gehe. Ein Jahr später, kurz nach ihrer letzten Prüfung, erhielt sie einen mit der Hand geschriebenen Brief. Er war von Wendt. Er dankte ihr, nicht übertrieben herzlich, aber ohne sichtbaren Ärger, und schrieb, in einer neuen Auflage seines Buches werde der Fehler geändert sein. Ob er sich an das Datum erinnert hatte, schrieb er nicht.

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Comprehension questions

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1. Warum hat Marta die Fußnote überhaupt bemerkt?

2. Was war an dem zitierten Brief falsch?

3. Warum war es für Martas Entscheidung unwichtig, ob Wendt absichtlich gehandelt hatte?

4. Was ist laut der Betreuerin die Folge, wenn Marta schweigt?

5. Was schrieb Wendt in seinem Brief nicht?