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Polnisch: ein kurzes Porträt

Woher das Polnische kommt, wie es sich durch tausend Jahre Geschichte gerettet hat, wo man es spricht, wie es geschrieben wird und was Deutschsprachige daran überrascht.

Sprachfamilie
Indogermanisch, slawisch, Zweig der westslawischen Sprachen
Nächste Verwandte
Kaschubisch, dann Tschechisch, Slowakisch, Ober- und Niedersorbisch
Schrift
Lateinisches Alphabet mit 32 Buchstaben, darunter ą, ę, ł, ó und ż
Amtssprache in
Polen, und seit 2004 eine der Amtssprachen der Europäischen Union
Satzbau
Meist Subjekt – Verb – Objekt, aber frei: Die Endungen zeigen, wer was tut
Eigenname
język polski oder kurz polszczyzna
Sprachpflege
Der Rat für die polnische Sprache (Rada Języka Polskiego, gegründet 1996)
Auf dieser Seite
Die Standardsprache, wie sie in ganz Polen verstanden wird

Woher es kommt

Polnisch ist eine slawische Sprache, eine Schwester des Tschechischen und des Slowakischen und eine Cousine des Russischen und des Ukrainischen. Alle slawischen Sprachen gehen auf eine gemeinsame Vorform zurück, das Urslawische, das sich im ersten Jahrtausend nach Christus über weite Teile Ost- und Mitteleuropas ausbreitete. Aus ihrem westlichen Zweig entstand das Polnische, zusammen mit dem Kaschubischen an der Ostsee und den sorbischen Sprachen in der Lausitz.

Mit dem Deutschen ist es weitläufig verwandt: Beide sind indogermanisch, und an Wörtern wie brat (Bruder), siostra (Schwester), noc (Nacht) oder trzy (drei) sieht man es noch. Der Bau der Sprache ist ein anderer: sieben Fälle, kein Artikel, zwei Formen für fast jedes Verb.

Die Zeitleiste

  1. 966

    Mit der Taufe Mieszkos I. kommen das lateinische Christentum und die lateinische Schrift nach Polen.

  2. um 1270

    Im „Buch von Heinrichau“ steht der älteste bekannte Satz auf Polnisch: Day, ut ia pobrusa, a ti poziwai — „Lass mich mahlen, und du ruh dich aus“.

  3. 1580

    Jan Kochanowski veröffentlicht die „Treny“; er gilt als Vater der polnischen Dichtung.

  4. 1807

    Samuel Bogumił Linde beginnt sein großes Wörterbuch der polnischen Sprache, abgeschlossen 1814.

  5. 1918

    Polen wird wieder ein eigener Staat, und Polnisch ist wieder Sprache von Schule und Verwaltung im ganzen Land.

  6. 1999

    Das Gesetz über die polnische Sprache regelt ihren Gebrauch im öffentlichen Leben.

Wo die Sprache gesprochen wird

Auf der Karte

Wo die Sprache gesprochen wirdWeltkarte. Voll gefärbt sind die Länder, in denen die Sprache Amts- oder Mehrheitssprache ist, schraffiert die mit einer bedeutenden Minderheit. Die Liste unter der Karte nennt alle.LitauenPolen
  • Amts- oder Mehrheitssprache
  • Bedeutende Minderheit

Amts- oder Mehrheitssprache

  • Polen

Bedeutende Minderheit

  • Litauen
Vereinfachte Darstellung nach Natural Earth (gemeinfrei). Gezeigt werden Umrisse, keine Grenzverläufe: Die Karte bewertet keine Grenzen und nennt keine Sprecherzahlen.

Die Geschichte in Stufen

Mit der Taufe des Fürsten Mieszko I. im Jahr 966 kamen das lateinische Christentum und die lateinische Schrift nach Polen. Geschrieben wurde zunächst nur Latein; polnische Wörter tauchen als Orts- und Personennamen in lateinischen Urkunden auf. Der älteste bekannte ganze Satz steht im „Buch von Heinrichau“ aus der Zeit um 1270: Ein Bauer sagt zu seiner Frau Day, ut ia pobrusa, a ti poziwai — lass mich mahlen, und du ruh dich aus.

Im 16. Jahrhundert wurde Polnisch zur Sprache der Literatur. Mikołaj Rej schrieb als einer der Ersten bewusst nur auf Polnisch, Jan Kochanowski machte daraus große Dichtung. In der polnisch-litauischen Adelsrepublik war Polnisch weit über das heutige Polen hinaus die Sprache des Adels und der Städte.

Zwischen 1795 und 1918 gab es keinen unabhängigen polnischen Staat: Das Land war unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt, und in Schule und Verwaltung galt oft eine andere Sprache. Polnisch überlebte in den Familien, in der Kirche und in der Literatur; in dieser Zeit entstand auch das große Wörterbuch von Samuel Bogumił Linde. Seit 1918 ist es wieder Staatssprache, und 1999 bekam es ein eigenes Gesetz, das seinen Gebrauch im öffentlichen Leben regelt.

Wo man es heute spricht

Polnisch ist die Sprache fast aller Menschen in Polen, und es ist erstaunlich einheitlich: Wer in Danzig spricht, wird in Krakau ohne Mühe verstanden. Mundarten gibt es trotzdem, am deutlichsten in Schlesien und in den Bergen um Zakopane, wo die Goralen ihre eigene gwara pflegen. Das Kaschubische im Norden um Danzig ist in Polen gesetzlich als Regionalsprache anerkannt.

Außerhalb Polens leben alteingesessene polnischsprachige Gemeinschaften in Litauen, vor allem um Vilnius, in Belarus und in der Ukraine. Dazu kommen die Polen, die ausgewandert sind — nach Nordamerika schon im 19. Jahrhundert, nach Großbritannien, Irland und Deutschland vor allem in den letzten Jahrzehnten. In vielen deutschen Städten hörst du Polnisch auf der Straße.

Die Schrift

Polnisch wird mit lateinischen Buchstaben geschrieben, und die Schreibung ist sehr regelmäßig: Wer die Regeln kennt, kann fast jedes Wort vorlesen. Fremd wirken zuerst die Buchstabengruppen. sz klingt wie „sch“, cz wie „tsch“, ch wie in „Bach“, und w wie ein deutsches w — nicht wie das englische.

Dazu kommen die Zeichen mit Strich, Punkt und Häkchen. ą und ę sind Nasalvokale wie im Französischen. ś, ć, ź und ń sind weiche Laute, und vor einem i schreibt man sie ohne Strich: siedem, ciocia. Das ł klang früher wie ein dunkles l und klingt heute wie ein englisches w: łyżka, der Löffel.

Einige Unterschiede in der Schrift hört man nicht mehr. ó und u klingen gleich, ebenso rz und ż und meist auch h und ch. Welche Schreibung richtig ist, verrät oft ein verwandtes Wort: stół schreibt sich mit ó, weil es stoły heißt. Betont wird fast immer die vorletzte Silbe — das ist die Regel, die dir beim Vorlesen am meisten hilft.

Geliehene und verliehene Wörter

Aus dem Deutschen hat das Polnische über die Jahrhunderte sehr viele Wörter aufgenommen, vor allem aus Handwerk, Handel und Stadtleben: ratusz (Rathaus), rynek (Marktplatz, von „Ring“), dach(Dach)szyba(Scheibe)cegła(Ziegel)burmistrz(Bürgermeister) Viele davon erkennst du nach einem zweiten Blick auf die Schreibung.

Aus dem Lateinischen kamen Wörter der Kirche, der Schule und der Verwaltung, aus dem Französischen und dem Italienischen Wörter der feinen Lebensart: fotel(Sessel)plaża(Strand)pomidor(Tomate)kalafior(Blumenkohl) Heute kommen die meisten neuen Wörter aus dem Englischen.

Umgekehrt hat auch das Deutsche aus den westslawischen Sprachen geliehen: Die „Grenze“ geht auf ein westslawisches Wort zurück, das im Polnischen granica heißt, ebenso die „Gurke“ (ogórek) und der „Quark“ (twaróg).

Was dich überraschen wird

Es gibt keinen Artikel. dom heißt „Haus“, „ein Haus“ und „das Haus“, und was ein Deutschsprachiger am Artikel abliest, steht im Polnischen an der Endung des Nomens — in sieben Fällen statt in vier.

Fast jedes Verb gibt es zweimal: pisać für das Schreiben als Tätigkeit, napisać für den Brief, der am Ende fertig ist. Und die Vergangenheit verrät, wer spricht: Ania sagt byłam, Piotr sagt byłem — beides heißt „ich war“.

Bei mehreren Menschen zählt das Polnische Männer eigens. Gehört ein Mann zur Gruppe, heißt es oni byli, sonst one były. Und schließlich die Zahlen: Ab fünf steht das Nomen im Genitiv Plural, dwa koty, aber pięć kotów. Das klingt nach viel, aber du lernst es Schritt für Schritt — und Fälle kennst du ja schon: Im Deutschen trägt sie der Artikel, im Polnischen das Wort selbst.

Wusstest du?

Kurze Fakten zum Staunen. Einzeln tauchen sie auch am Ende einer Übungsrunde auf — zugeklappt, damit sie nicht stören.

  1. Polnisch hat zwei Nasalvokale, geschrieben ą und ę: ręka (Hand), są (sie sind).
  2. Das ł klingt heute meist wie ein englisches w: łódź (Boot) und die Stadt Łódź.
  3. W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie — „In Szczebrzeszyn summt ein Käfer im Schilf“ — gilt als einer der bekanntesten Zungenbrecher.
  4. Polnisch hat sieben Fälle. Einer davon, der Vokativ, dient nur dazu, jemanden anzusprechen: Anna wird zu Anno!
  5. Die Betonung liegt fast immer auf der vorletzten Silbe: Polska, dziękuję.
  6. Marie Skłodowska-Curie nannte das 1898 entdeckte Element Polonium nach ihrer Heimat Polen.
  7. Das polnische Alphabet hat 32 Buchstaben, darunter ć, ń, ó, ś, ź und ż.
  8. Polnisch hat keine Artikel: dom heißt „Haus“, „ein Haus“ oder „das Haus“.
  9. In der Mehrzahl unterscheidet Polnisch, ob eine Gruppe Männer einschließt: oni für Männer oder gemischte Gruppen, one für alle anderen.
  10. Ludwik Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, wurde 1859 in Białystok geboren.
  11. Kaschubisch, im Norden um Danzig gesprochen, ist in Polen gesetzlich als Regionalsprache anerkannt.
  12. Polnisch liebt Verkleinerungen: kot (Katze) wird zu kotek, Anna zu Ania.
  13. Höflich spricht man mit Pan (Herr) und Pani (Frau) in der dritten Person: Czy pan ma czas? — „Hat der Herr Zeit?“
  14. Fast jedes Verb gibt es in zwei Formen: robić für das Tun, zrobić für das Fertigwerden.
  15. Nikolaus Kopernikus, polnisch Mikołaj Kopernik, wurde 1473 in Toruń geboren.
  16. Am Heiligabend, Wigilia, ist es Brauch, einen Teller mehr aufzustellen — für einen unerwarteten Gast.
  17. Viele Familiennamen haben eine weibliche Form: Herr Kowalski, Frau Kowalska.
  18. Zwei Buchstaben stehen oft für einen Laut: sz wie sch, cz wie tsch, rz wie das ż.
  19. In Litauen lebt eine polnischsprachige Minderheit, vor allem in der Gegend um Vilnius.
  20. Na zdrowie! sagt man beim Anstoßen und wenn jemand niest — „auf die Gesundheit“.