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Niederländisch: ein kurzes Porträt

Woher das Niederländische kommt, warum es so nah am Deutschen liegt und doch eigene Wege geht, wo man es spricht, wie es geschrieben wird und was Deutschsprachige daran überrascht.

Sprachfamilie
Indogermanisch, germanisch, Zweig der westgermanischen Sprachen
Nächste Verwandte
Afrikaans, dann Niederdeutsch, Friesisch, Deutsch und Englisch
Schrift
Lateinisches Alphabet; ij gilt als ein Zeichen, Akzente nur zur Betonung und Trennung (één, België)
Amtssprache in
den Niederlanden, Belgien (neben Französisch und Deutsch), Suriname, Aruba, Curaçao und Sint Maarten, und in der Europäischen Union
Satzbau
Verb an zweiter Stelle, im Nebensatz am Ende — wie im Deutschen, aber mit freierer Reihenfolge der Verben
Eigenname
het Nederlands
Sprachpflege
Die Niederländische Sprachunion (Nederlandse Taalunie, gegründet 1980) und ihre Wortliste, das Groene Boekje
Auf dieser Seite
Die Standardsprache, wie sie in den Niederlanden gesprochen wird; wo Flandern abweicht, steht ein Hinweis dabei

Woher es kommt

Niederländisch ist eine westgermanische Sprache, eine nahe Schwester des Deutschen und des Englischen. Alle drei gehen auf die Mundarten germanischer Stämme zurück, die im ersten Jahrtausend zwischen Nordsee und Alpen lebten. Das Niederländische entstand aus den Mundarten der Franken an Rhein, Maas und Schelde; Friesisch und Sächsisch aus dem Norden und Osten haben Spuren hinterlassen.

Darum ist so vieles vertraut: water, huis, brood, moeder, drinken, komen. Zugleich hat das Niederländische eine Entwicklung nicht mitgemacht, die das Hochdeutsche geprägt hat — die zweite Lautverschiebung. Deshalb heißt es appelund nicht „Apfel“waterund nicht „Wasser“tijdund nicht „Zeit“ Wer Plattdeutsch hört, erkennt diese Formen sofort.

Die Zeitleiste

  1. um 1100

    Ein Mönch schreibt in einer Handschrift den Satz Hebban olla vogala nestas hagunnan auf — „Haben alle Vögel Nester begonnen“. Er gilt als bekanntester früher Satz des Niederländischen.

  2. 1637

    Die Statenvertaling erscheint, eine Bibelübersetzung im Auftrag der Generalstaaten. Sie prägt die geschriebene Sprache für lange Zeit.

  3. 1804

    Matthijs Siegenbeek legt die erste amtliche Rechtschreibung des Niederländischen in den Niederlanden vor.

  4. 1864

    Die erste Lieferung des großen „Woordenboek der Nederlandsche Taal“ erscheint. Abgeschlossen wird das Wörterbuch erst 1998.

  5. 1898

    Mit dem Gleichheitsgesetz wird Niederländisch in Belgien neben dem Französischen zur gleichberechtigten Sprache der Gesetze.

  6. 1954

    Die „Woordenlijst Nederlandse Taal“ erscheint zum ersten Mal — nach ihrem Umschlag heißt sie bis heute het Groene Boekje.

  7. 1980

    Die Niederlande und Belgien gründen die Nederlandse Taalunie, die seitdem gemeinsam über Rechtschreibung und Wortliste wacht.

Wo die Sprache gesprochen wird

Auf der Karte

Wo die Sprache gesprochen wirdWeltkarte. Voll gefärbt sind die Länder, in denen die Sprache Amts- oder Mehrheitssprache ist, schraffiert die mit einer bedeutenden Minderheit. Die Liste unter der Karte nennt alle.NiederlandeBelgienSuriname
  • Amts- oder Mehrheitssprache

Amts- oder Mehrheitssprache

  • Belgien
  • Niederlande
  • Suriname
Vereinfachte Darstellung nach Natural Earth (gemeinfrei). Gezeigt werden Umrisse, keine Grenzverläufe: Die Karte bewertet keine Grenzen und nennt keine Sprecherzahlen.

Die Geschichte in Stufen

Aus der frühen Zeit sind nur wenige Zeilen erhalten. Der bekannteste Satz, Hebban olla vogala nestas hagunnan, steht in einer Handschrift aus der Zeit um 1100 und erzählt von Vögeln, die Nester bauen. Im Mittelalter blühte die Literatur in Flandern und Brabant, in reichen Handelsstädten wie Brügge, Gent und Antwerpen.

Im 16. und 17. Jahrhundert verlagerte sich das Gewicht nach Norden. Viele Menschen aus dem Süden zogen in die Städte Hollands, und dort wuchs aus mehreren Mundarten eine gemeinsame Schriftsprache. Die Bibelübersetzung von 1637, die Statenvertaling, wurde in sehr vielen Haushalten gelesen und gab ihr eine feste Form.

Im 19. Jahrhundert bekam die Rechtschreibung amtliche Regeln, und in Belgien begann ein langer Weg, auf dem das Niederländische neben dem Französischen seinen Platz in Schule, Gericht und Verwaltung erhielt. Seit 1980 kümmern sich die Niederlande und Belgien gemeinsam um die Sprache, in der Nederlandse Taalunie; Suriname hat sich ihr später angeschlossen.

Wo man es heute spricht

Niederländisch ist die Sprache der Niederlande und der nördlichen Hälfte Belgiens, Flanderns. In Brüssel steht es gleichberechtigt neben dem Französischen. In Suriname ist es Amtssprache und Sprache der Schule, auf den Inseln Aruba, Curaçao und Sint Maarten Amtssprache neben Papiamento oder Englisch.

Die Standardsprache ist in den Niederlanden und in Flandern dieselbe, aber man hört, woher jemand kommt. In Flandern klingt das g weicher, man sagt öfter gij statt jij, isst frieten statt patat und hat goesting statt zin. Beides ist richtiges Niederländisch, so wie das Deutsche in Wien und in Hamburg verschieden klingt. In der Provinz Friesland ist außerdem das Friesische eine eigene, anerkannte Sprache.

Die Schrift

Niederländisch wird mit lateinischen Buchstaben geschrieben, und es gibt fast keine Sonderzeichen. Das ij gilt als ein Zeichen: Am Satzanfang wird es ganz großgeschrieben, IJsland, und es klingt wie ei. Akzente stehen nur, um eine Betonung zu zeigen (één „eins“ neben een „ein“) oder um zwei Vokale zu trennen (België, ruïne).

Ungewohnt ist die Schreibung der Vokale. Ein langer Vokal wird in einer geschlossenen Silbe doppelt geschrieben, in einer offenen einfach: maan, aber manen. Ein kurzer Vokal bleibt kurz, weil der Konsonant danach doppelt steht: bal, ballen. Am Wortende schreibt man f und s, wo es im Plural v und z heißt: brief – brieven, huis – huizen.

Nomen werden kleingeschrieben, Sprachnamen und Länder groß, Wochentage und Monate wieder klein: Ik leer Nederlands op maandag. Und wer die Regel ’t kofschip kennt, weiß, ob ein Partizip auf -t oder auf -d endet.

Geliehene und verliehene Wörter

Aus dem Französischen hat das Niederländische viele Wörter für das feinere Leben aufgenommen, die das Deutsche anders sagt: het bureau (Schreibtisch, Büro), de paraplu(Regenschirm)het trottoir(Bürgersteig)de jus(Bratensoße) Aus dem Englischen kommen heute die meisten neuen Wörter, oft ganz ohne Änderung.

Verliehen hat das Niederländische vor allem Wörter von der See und vom Handel. Das Deutsche hat „Matrose“, „Jacht“, „Kabeljau“ und „Deich“ aus dem Niederländischen oder aus seiner Nachbarschaft an der Küste. Das Englische hat „cookie“, „boss“ und „skate“, und in Nordamerika erinnern Namen wie Brooklyn und Harlem an eine niederländische Siedlung, die einmal Nieuw-Amsterdam hieß.

Was dich überraschen wird

Vieles wirkt so vertraut, dass man es für Deutsch mit anderer Schreibung hält — und genau dort liegen die Fallen. Bellen heißt anrufen, slim heißt klug, raar heißt seltsam, und Ik ben doof sagt, dass jemand taub ist, nicht dumm. Solche falschen Freunde lernst du am besten gleich als Paare.

Es gibt keine Fälle am Nomen und nur zwei Artikel. Statt der deutschen Tabelle aus der, die, das, des, dem, den gibt es de und het, und im Plural immer de. Welches Wort welchen Artikel hat, folgt dem Deutschen nur zum Teil: het meisje ist „das Mädchen“, aber de zon und de maan haben denselben Artikel. Dafür hat das Adjektiv nur zwei Formen: groot und grote.

Und dann ist da das kleine er, das an Stellen steht, an denen das Deutsche nichts sagt: Er is een probleem. „Es gibt ein Problem.“ Ik heb er twee. „Ich habe zwei davon.“ Wer es zu benutzen lernt, klingt sofort viel niederländischer.

Wusstest du?

Kurze Fakten zum Staunen. Einzeln tauchen sie auch am Ende einer Übungsrunde auf — zugeklappt, damit sie nicht stören.

  1. Das ij gilt im Niederländischen als ein Zeichen. Am Satzanfang werden deshalb beide Buchstaben groß geschrieben: IJsland, het IJsselmeer.
  2. Niederländisch hat zwei bestimmte Artikel, de und het, und im Plural steht immer de: het huis, de huizen.
  3. Fast jedes Nomen hat eine Verkleinerungsform, und sie ist immer ein het-Wort: de tafel, aber het tafeltje.
  4. Afrikaans, eine Sprache Südafrikas und Namibias, hat sich aus dem Niederländischen der Siedler am Kap entwickelt. Wer Niederländisch kann, versteht davon schon viel.
  5. In der Provinz Friesland ist neben dem Niederländischen auch Friesisch eine anerkannte Sprache, mit eigenen Ortsschildern.
  6. Belgien hat drei Amtssprachen: Niederländisch im Norden, Französisch im Süden und Deutsch im Osten. Brüssel ist zweisprachig.
  7. „Flämisch“ nennt man die Umgangssprache in Flandern. Die Standardsprache ist dieselbe wie in den Niederlanden, mit eigenen Wörtern und eigenem Klang.
  8. In Suriname in Südamerika ist Niederländisch Amtssprache und Sprache der Schule. Im Alltag hört man daneben viele andere Sprachen.
  9. Auf Aruba, Curaçao und Sint Maarten ist Niederländisch Amtssprache, neben Papiamento oder Englisch, die im Alltag oft häufiger zu hören sind.
  10. Duits heißt „Deutsch“, und das englische Wort für Niederländisch, „Dutch“, hat dieselbe Wurzel: Gemeint war einmal einfach die Sprache des Volkes.
  11. Holland sind eigentlich nur zwei der Provinzen der Niederlande, Noord- und Zuid-Holland. Das Land heißt Nederland.
  12. Das g klingt in den Niederlanden meist rau, weit hinten im Hals. In Flandern und im Süden der Niederlande ist es weicher.
  13. Den Laut ui wie in huis gibt es im Deutschen nicht. Er liegt irgendwo zwischen „äu“ und „öi“, mit runden Lippen.
  14. Mit Dag! kann man grüßen und sich verabschieden. Unter Freunden sagt man Hoi! zur Begrüßung und Doei! zum Abschied.
  15. Die höfliche Anrede u hört man seltener, als Deutschsprachige erwarten. In Läden, im Büro und unter Kollegen duzen sich viele gleich mit je und jij.
  16. Gezellig beschreibt einen Abend, ein Café oder einen Menschen: gemütlich, gesellig, angenehm — ein Wort, das sich schwer in einem einzigen deutschen Wort sagen lässt.
  17. New York hieß einmal Nieuw-Amsterdam. Aus dieser Zeit stammen Namen wie Brooklyn, nach dem Ort Breukelen bei Utrecht.
  18. Einige englische Wörter kommen aus dem Niederländischen: „cookie“ von koekje, „boss“ von baas und „yacht“ von jacht.
  19. Auch das Deutsche hat Wörter aus dem Niederländischen geholt, vor allem von der See: „Matrose“ von matroos, „Jacht“ von jacht, „Kabeljau“ von kabeljauw.
  20. De polder ist ein Stück Land, das dem Wasser abgerungen wurde und von Deichen geschützt wird. Das Wort benutzen heute viele Sprachen.
  21. Ob das Partizip auf -t oder -d endet, verrät ein Merkwort: ’t kofschip. Endet der Stamm auf einen seiner Konsonanten, kommt -t: gewerkt, aber gewoond.
  22. In vielen Zusammensetzungen steht ein -n- in der Mitte, das man kaum hört: de pannenkoek, de boekenkast.
  23. Niederländische Anführungszeichen stehen beide oben, “so” oder ‘so’ — anders als im Deutschen, wo das erste unten steht.
  24. Lekker sagt man nicht nur über Essen: lekker weer ist schönes Wetter, und Slaap lekker! wünscht eine gute Nacht.
  25. Vor dem Essen wünscht man sich Eet smakelijk!, beim Anstoßen sagt man Proost!.